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Simba kam im Morgengrauen    /    Safari-Notizen aus Tanzania (I)

Simba kam im Morgengrauen / Safari-Notizen aus Tanzania (I)

KATAVI NATIONALPARK. – Die letzte Regenzeit war kurz, das Gras im Katavi Park, im Südwesten des Landes, nahe dem Tanganjikasee, ist jetzt, im August, schon wieder hoch und völlig verdörrt. Ungeschnittenes Stroh. Der brennenden Sonne (und den Streichhölzern der Wilderer!) ausgesetzt, gerät es leicht in Brand. Überall fressen sich Buschfeuer durch die Savanne, lodernder Tod vor allem für ungezählte Kleintiere. Lake Chada und Katavisee sind ausgetrocknet, die mehr als tausendköpfigen Büffelherden, die es hier gibt, haben sich in den sumpfigen Matope zurückgezogen und sind für uns nur als schwarzer Strich am Horizont auszumachen. Über die Katsunga Plains wirbeln „vumbi“, quirrlige Sandhosen – ihnen verdankt meine ebenfalls quirrlige Ridgebackhündin ihren Übernamen! Immerhin: der Katuma-Fluss führt noch Wasser und mäandert wie stets ruhig durch die Ebene.

Noch bevor Husseni das warme Waschwasser bringt, öffne ich den Reisverschluss des Zelts. Erstes Tageslicht am Horizont, von links zieht, wie jeden Morgen um diese Zeit, ein Flock Kuhreiher über dem Fluss – sie haben ihre Schlafbäume verlassen und suchen nun die Grosstiere auf, die beim Aesen Insekten aufstören: gedeckter Tisch für die weissen Reiher. Abends werden sie – wieder um punkt sieben – in umgekehrter Richtung ihre Schlafbäume anpeilen. Kleines Raum-Zeit-System nennt man das – es zeigt die Ordnung der Gewohnheiten im Tierreich querweg über den 24-Stunden-Tag auf. Im Gegensatz dazu steht das grosse Raum-Zeit-System, das den Jahresablauf der Wildtiere – z.B. ihre grosse Wanderung im Serengeti-Ökosystem – dokumentiert.

Während ich, Zahnbürsteli einssatzbereit in der Hand, nach Tieren Ausschau halte, die zum morgendlichen Trinken ans Wasser ziehen, meine ich eine Bewegung hinter den Büschen wahrzunehmen. Keine Wasserböcke heute? Und auch keine Giraffen, die wie Telefonmasten aus der Ebene ragen? Die Bewegung ist kaum mehr als eine Ahnung, könnte ebenso gut nur Einbildung sein. Da erscheint, schemenhaft nur im schwachen Licht des frühen Morgens, eine Gestalt hinter der letzten Buschreihe: Hyäne, Fisi? Oder gar Chui, der Leopard, der hier zuhause ist und dessen Knurren wir manchmal nachts durch die Zeltleinwand hören? Nein, zu gross! Simba ist es, Mashurubu, wie ihn die Afrikaner nennen seit die Touristen das Suaheli-Wort Simba gelernt haben. Shurubu, der Bärtige, Mähnige – dies hier ist allerdings ein Shurubu ohne Mähne, eine schlanke, sehnige Löwin. Gemessenen Schrittes geht sie über die freie Fläche, ihre Silhouette hebt sich gegen den Hintergrund des Himmels ab, die Beine sind im hohen Gras versteckt. Mein Zahnbürsteli verharrt regungslos zwischen Wasserglas und Zähnen – hat sie mich gesehen? Ihre Kollegin, die jetzt, ebenfalls von rechts, die Bühne betritt, hat mich gesehen: sie verharrt, dreht den Kopf zu mir und schaut mich unverwandt an. Selbst auf die Distanz von vierzig Metern erkenne ich ihre gelben Augen mit dem Blick, der nicht mich meint, sondern durch mich hindurch geht. Dann dreht Mama Simba den Kopf wieder geradeaus und geht ruhig weiter. Mein Zahnbürsteli verharrt noch immer irgendwo im Raum, während rechts eine dritte Löwin erscheint, dann ein mächtiger Kichwa Kubwa, ein „grosser Kopf“, wie die afrikanischen Freunde den Löwenmann nennen. Und hinter ihm schliesslich, offenbar die sichernde Nachhut, ein weiterer Kater mit grosser Mähne, wohl der Bruder des ersten. Einer hinter dem andern gehen sie im Gänse- oder eben Löwenmarsch ruhig von der rechten zur linken Böschung und verschwinden hinter dem letzten unserer fünf Zelte. Ruhe, Stille, gar nichts mehr. Das Zahnbürsteli kann zum Einsatz kommen.

Angst? Keinen einzigen Augenblick! Wovor denn? Es war einer der magischen Momente selbstverständlichen Miteinanders oder wenigstens Nebeneinanders im Busch. Tust du mir nichts, tu ich dir nichts. Die Augen der Löwin aber werden bleiben. War es ein Abschätzen, wieviele Sprünge sie bis zu mir brauchen würde? Neugier wohl eher, sowas wie ein flüchtiger Gruss: Wie, du bist auch da? Schön – lass mich meines Weges gehen und geh du deinen. Augen, in deren Blick ganz Afrika liegt.

Nach dem Frühstück treffen wir die fünf Mashurubu wieder: Faul lassen sie sich hundert Meter hinter unserem Ess-Zelt die Sonne auf den Pelz scheinen. Mag sein, dass es unser Ess-Zelt ist – ganz sicher aber ist es i h r Katavi!

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1 Comment

Was für ein Gefühl muss das sein eben mal beim Aufwachen diesen wunderbaren Tieren so nah sein zu können? In diese Augen blicken zu dürfen, von ihnen geduldet zu werden in ihrem Revier? Ich vermag es mir nicht vorzustellen.

Ich freue mich für dich, liebe Annemarie, dass du in die Augen der Löwin blicken und diesen Moment erfahren durftest. Eben mit dieser Selbstverständlichkeit. Vielleicht auch mit dem Gefühl, doch nur ein winziger Teil unserer Erde zu sein. Die Erhabenheit der Mashurubu lässt einen wohl die Bedeutungslosigkeit westlicher Lebensweise ins Gedächtnis rufen. So oder so ähnlich stell ich mir mein Gefühl den Simbas gegenüber vor.

Vermutlich hattest du auch wieder genügend Gelegenheiten die Ähnlichkeit mit unseren Hunden zu beobachten. Auch Demani vermag es, durch mich hindurch zu sehen. Aber die Souveränität und Toleranz seiner „Ahnen“ muss er noch lernen 😉

Vielen lieben Dank für die wunderbare, eindrückliche Schilderung deiner Eindrücke und Erlebnisse!