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Ohren wie Afrika-Karten / Safari-Notizen aus Tanzania (IV)

Ohren wie Afrika-Karten / Safari-Notizen aus Tanzania (IV)

Friedlich stehen sie unter einem mächtigen Mbuyu, einem Baobab, eng zusammen, um in seinem Schatten etwas Schutz vor der brennenden Mittagssonne zu finden. Es ist trocken und heiss hier im Ruaha Nationalpark im Süden des Landes. Die Matriarchin – mit Ohren, die an die Umrisse Afrikas erinnern und bei vielen Ereignissen in ihrem langen Leben Kerben und Löcher davongetragen haben, welche jeden Elefanten individuell erkennbar machen – hebt immer wieder einmal den Rüssel in unsere Richtung und prüft, ob sie uns trauen kann. Ihre Töchter tun es ihr nach und schon die kleinen „Gernegrosse“ lernen so von der Anführerin, wie man feststellt, ob die „Luft rein ist“. Die Kuhgruppe besteht aus der Anführerin, einer alten, erfahrenen Kuh und deren Töchtern mitsamt grösseren und kleineren Jungtieren all dieser miteinander verwandten Weibchen. Elefantengruppen sind matriarchal strukturiert; Bullen verlassen die Mutterherde, wenn sie erwachsen werden und kommen nur gelegentlich zurück, wenn eine Kuh brünstig ist – vermutlich verleiht ihnen dann das Musth-Sekret aus einer SChläfendrüse den nötigen Mut, um in die Kuhgruppe einzudringen. Unsere Elefanten haben Durst: Immer wieder bearbeiten sie den Stamm des Baobab, der ein Feuchtigkeitsreservoir ist; die Rinde hängt in Fetzen herunter wie bei fast allen Mbuyus hier im Park und es ist erstaunlich, dass nicht mehr der markanten alten Bäume daran zugrunde gehen. Offenbar riechen wir vertrauenswürdig genug: Klein Dumbo, der Jüngste mit den allergrössten Ohren, schüttelt sich, als ob er gleich abfliegen wollte und bearbeitet dann die feuchte Rinde von neuem mit seinen kleinen Stosszähnchen.

Doch die Landkarte Afrikas an beiden Seiten ihres mächtigen Kopfs nützt den Elefanten rein gar nichts: Zum Verhängnis werden ihnen ihre Stosszähne. 1982 gab es im angrenzenden Selous-Reservat, dem grössten Schutzgebiet Afrikas und mit 50 000 Quadratkilometer grösser als die Schweiz, noch 100 000 Elefanten – heute wird ihre Zahl noch auf ganze 15 000 geschätzt. Und so wie hier sieht es überall aus: Im Rahmen des Projekts „Great Elephant Census“ haben Wissenschaftler dieser Tage die neuesten Zählresultate vorgestellt. Die Zahlen sind alarmierend: In 18 erfassten afrikanischen Staaten leben nur noch 350 000 Elefanten – 30 Prozent weniger als noch vor zehn Jahren! Verlust des Lebensraums und der traditionellen Wanderrouten der Elefanten, die durch Siedlungen unterbrochen und zerstört werden, ist ein Grund. Doch wesentlich dramatischer ist die immer weiter steigende Nachfrage von China und anderen südostasiatischen Ländern nach Elfenbein, das zu Schnitzereien verarbeitet wird. Geht das Abschlachten im heutigen Stil weiter, wird es in wenigen Jahrzehnten keine afrikanischen Elefanten mehr geben.

Auch wir können durchaus unseren Teil dazu beitragen: Als vor einem Jahr auf dem Flughafen Zürich einige hundert Kilo Elfenbein beschlagnahmt wurde, verlief die Untersuchung im Sand, die Hintermänner wurden nie gefasst. Elefenbeinschmuggel muss hart bestraft, Elfenbeischnitzereien mit internationalem Bann belegt werden. Das können die armen afrikanischen Länder niemals alleine leisten – wir alle sind gefragt, wenn wir auch in Zukunft die friedlichen Riesen bei ihrer Mittagsrast unterm Baobab beobachten wollen….

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