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Die Jagd der Leopardin / Safari-Notizen aus Tanzania (VIII)

Die Jagd der Leopardin / Safari-Notizen aus Tanzania (VIII)

Auf Safari einen Leoparden zu sehen ist Glückssache. Und wenn man ihn sieht, dann meistens tagsüber, hoch oben im Baum, Siesta haltend. Ihn bei der meist nächtlichen Jagd zu beobachten ist fast unmöglich. Daher hat die folgende Schilderung Seltenheitswert:

Auf holperiger Fahrt über die grasbewachsene Piste am ausgetrockneten Katavi-See beobachten wir in einer morastigen Senke, die von hohem Trockengras gesäumt ist, einen Riedbock beim Wiederkäuen. Plötzlich ein abrupter Bremser von Nazir: „Madoadoa – tazama, look!“ Tatsächlich: Parallel zu uns, vielleicht zweihundert Meter entfernt, steht eine Leopardin in geduckter Haltung regungslos vor dem hohen Gras, aus dem sie wohl eben herausgetreten ist. Auch sie hat den Riedbock gesehen. Und obwohl es bereits auf Mittag geht – nicht die Zeit, zu der Leoparden üblicherweise jagen – macht es den Anschein, als ob sie genau dies vorhätte.

Und dann werden wir tatsächlich unverhofft Zeugen, w i e ein Leopard jagt! Schaut der Riedbock in ihre Richtung, erstarrt die gefleckte Katze zur Salzsäule, unbeweglich, alle Muskeln angespannt. Der Wind scheint günstig zu stehen für die Jägerin, der Riedbock ahnt keine Gefahr. Dreht der Bock seinen Kopf weg, kommt sofort Leben in die Leopardin: Geduckt macht sie blitzschnell ein, zwei, drei Schritte und nutzt geschickt jeden Stein und jeden Dreckklumpen im Matope als Deckung. Noch immer hat der Bock die Gefahr nicht erkannt. Wir halten den Atem an – das hier ist spannender als jeder Actionfilm!

Die Pirsch dauert mittlerweilen fast zwei Stunden: sekundenkurzes Anschleichen, minutenlanges Stillstehen. Noch etwa dreissig Meter fehlen der Leopardin – als sie plötzlich Muskeln und Vorsicht fahren lässt und sich unvermittelt in den Schlamm schmeisst, wie wenn sie nie etwas anderes geplant hätte. Derweil der Riedbock – das blanke Entsetzen in den Augen – in grossen Fluchten das Weite sucht.

Weshalb die Leopardin so kurz vor dem sicher scheinenden Ziel aufgegeben hat, ist uns schleierhaft. Jetzt dreht Mama Chui in unsere Richtung, streift im Vorbeigehen fast unser Auto und mustert uns beiläufig aus unergründlich gelben Augen. Dann streckt sie noch einmal ihre steifen Glieder und erklimmt mühelos einen nahen Baum. Auf dem untersten horizontalen Ast wird sie den Rest des Tages verschlafen, um dann nachts, wie es sich gehört, ihr Jagdglück erneut zu versuchen. Nicht mehr als eine von zehn Jagden des Leoparden endet erfolgreich.

Wir aber hatten das, was man gemeinhin in Afrika „safari njema“ nennt: eine „gute Safari“! Bilder, die bleiben, Stoff für Lagerfeuer und Homepage.

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